Magic Formula Strategie: Anleitung, Kennzahlen und Bewertung

Die Magic Formula von Joel Greenblatt ist eine regelbasierte Value-Strategie, die Aktien mit zwei Eigenschaften sucht: gute Unternehmen und günstige Bewertung. Die Idee dahinter lautet vereinfacht: Kaufe Firmen mit hoher Kapitalrendite nur dann, wenn sie zugleich billig sind. Greenblatts offizielle Website beschreibt das als Kauf von „günstigen Aktien“ mit hohen Kapitalrenditen; die Methode soll systematisch und diszipliniert umgesetzt werden.

Joel Greenblatt ist ein US-Investor und Professor, der einem breiteren Preis bekannt wurde durch sein Buch The Little Book That Beats the Market aus dem Jahr 2005.

Da eigene Backtests den Rahmen dieses Artikels sprengen würden, greife ich auf etablierte Quellen zurück. Dabei muss zwischen Greenblatts eigenen Backtests und späteren, unabhängigen Tests unterschieden werden:

Quelle Zeitraum Aktienuniversum Rendite p.a. Benchmark (S&P 500)
Greenblatt (eigener Backtest) 1988–2004 Top 3.500 US-Aktien ~30,8 % ~12,4 % p.a.
Greenblatt (eigener Backtest) 1988–2004 Top 1.000 US-Aktien ~22,9 % ~12,4 % p.a.
Investopedia (unabhängig) 2003–2015 US-Markt ~11,4 % ~8,7 % p.a.

Die zwei zentralen Kennzahlen der Magic Formula

Bitte beachte, dass es für die deutschen Übersetzungen unterschiedliche Varianten geben kann.

  1. Earnings Yield (Gewinnrendite) – wie günstig ist die Aktie?
    Earnings Yield = EBIT / Enterprise Value. Dabei wird ermittelt, wie „günstig“ ein Unternehmen im Verhältnis zu seinem operativen Gewinn ist.
    Häufig wird die Gewinnrendite auch mit Nettogewinn / Marktkapitalisierung berechnet, was dem Kehrwert des KGVs entspricht. Beim EBIT (Earnings Before Interest and Taxes; deutsch: Betriebsergebnis bzw. operatives Ergebnis) werden Zinsen und Steuern nicht berücksichtigt, was die Verzerrung durch Steuersätze oder Finanzierungsarten verhindert.
    Im weiteren Verlauf werden wir diese
    Variante (EBIT / Enterprise Value) einsetzen, wie sie auch von Greenblatt eingesetzt wurde.
  2. Return on Capital (ROC) – wie profitabel arbeitet das Unternehmen?
    Return on Capital = EBIT / (Net Fixed Assets + Net Working Capital). Dabei wird ermittelt, wie viel operativen Gewinn ein Unternehmen pro investiertem Euro Kapital erwirtschaftet.
    Hier wird häufig das ROIC (Return on Invested Capital – Rendite auf das investierte Kapital) verwendet. Dabei wird das EBIT durch NOPAT ersetzt – also EBIT nach einer rechnerischen Steuerlast (EBIT * (1 – Steuersatz).
    Auch wir werden das ROIC verwenden, da zum einen diese Kennzahl bei TradingView direkt zur Verfügung steht, und da ROC und ROIC im Ranking sehr stark korrelieren.

Die Magic Formula in 11 Schritten

Die Daten und die nachfolgende Vorgehensweise beziehen sich auf den kostenlosen Aktienscanner von TradingView. Selbstverständlich kannst du auch einen anderen Aktienscanner deiner Wahl einsetzen. Vermutlich wirst du alle erforderlichen Kennzahlen vorfinden, aber die Bezeichnungen könnten sich unterscheiden.

  1. Festlegung des Anlageuniversum
    Wir verwenden hier als Anlageuniversum den S&P 500.
    Anstelle des S&P 500 kann auch der gesamte US-Markt verwendet werden, wobei aber die Marktkapitalisierung eine bestimmte Mindestgröße (z.B. 1 Mrd. USD – englisch: 1 billion USD) haben sollte.
    Auch kleinere Schwellen sind möglich. Sie haben historisch sogar bessere Renditen geliefert, sind aber mit höherem Risiko und schlechterer Liquidität verbunden.
    Prinzipiell sollte die Strategie auch bei einem nicht auf US-Aktien basierenden Anlageuniversum funktionieren, doch valide Daten dazu sind kaum vorhanden.
  2. Berechnung der Gewinnrendite (EBIT / Enterprise Value)
    Die EBIT- und Enterprise Value-Werte der S&P 500 Aktien in ein Tabellenkalkulationsprogramm übernehmen und in einer neuen Spalte die Gewinnrendite berechnen, indem das EBIT durch den Enterprise Value dividiert wird. 
  3. Rangliste der Gewinnrendite erstellen
    Für die Aktie mit der höchsten Gewinnrendite wird Ranglistenplatz 1 vergeben, für die zweithöchste Rendite Platz 2 usw.
  4. Return on Capital ermitteln
    Wie oben beschrieben werden wir hier den ROIC verwenden, der direkt aus einem Aktienscanner in das Tabellenkalkulationsprogramm übernommen werden kann.
  5. Rangliste der Kapitalrendite ermitteln
    Wie bei der Gewinnrendite wird der Aktie mit der höchsten Kapitalrendite der Ranglistenplatz 1 zugewiesen, die Aktie mit der zweithöchsten Kapitalrendite wird auf Platz 2 gesetzt usw.
  6. Addition der Ranglistenplätze
    Der Ranglistenplatz der Gewinnrendite und der Kapitalrendite wird für jede Aktie addiert.
  7. Sortieren der Gesamtrangliste
    Die Tabelle wird nach der Gesamtrangliste aufsteigend sortiert, d.h. die Aktie mit dem kleinsten Gesamtrang steht ganz oben, die mit dem höchsten Gesamtrang ganz unten.
  8. Auswahl der Kandidaten
    Wähle die obersten 20 Aktien aus der Rangliste (die Originalstrategie empfiehlt 20 bis 30 Aktien).
    Ist unter den Top 20-Werten ein öffentliches Versorgungsunternehmen (stark reguliert und Renditen künstlich gedeckelt), ein Finanzdienstleister (anderer Aufbau der Finanzstruktur – Kennzahlen wie ROC oder ROIC nicht vergleichbar) oder ein ADR (American Depositary Receipts = Zertifikate, die eine bestimmte Anzahl Aktien eines ausländischen Unternehmens zusammenfassen), so ist diese Aktie zu streichen und stattdessen durch die nächst platzierte Aktie zu ersetzen, sofern diese nicht von den Ausschlusskriterien betroffen ist.
  9. Gleich gewichteter Kauf der 20 Kandidaten
  10. Die Aktien ein Jahr halten
    Dividenden werden dem Tagesgeldkonto zugeführt und in der Folgeperiode investiert. Bei Übernahmen oder Delistings rückt eine neue Aktie aus einer aktualisierten Rangliste nach.
    Bei der Originalstrategie werden Gewinneraktien nach einem Jahr und einem Tag, Verlierer vor Ablauf eines Jahres verkauft. Hintergrund ist eine US-spezifische Steueroptimierung, die für deutsche Anleger irrelevant ist. 
  11. Nach Ablauf des Jahres den oben beschriebenen Prozess wiederholen

Neben dem einmaligen Kauf aller Aktien des Portfolios wird beim klassischen Ansatz der Strategie die Empfehlung ausgesprochen, die Aktien gestaffelt zu kaufen, beispielsweise zwei bis drei Käufe pro Monat.

Auswahl der Aktien mit Hilfe von TradingView

In diesem Abschnitt zeige ich dir Schritt für Schritt, wie du den TradingView-Aktienscanner für die Magic Formula einrichtest und die Daten so aufbereitest, dass du das Ranking direkt in einer Tabelle berechnen kannst. Der Scanner ist in der kostenlosen Version vollkommen ausreichend.

1. Aktienscanner öffnen

Logge dich bei TradingView ein und öffne den Aktienscanner über das Menü „Produkte“ → „Screener“ → „Aktien-Screener“ (alternativ direkt unter tradingview.com/screener). Du landest auf einer tabellarischen Übersicht mit zahlreichen Filter- und Spalten-Optionen.

2. Markt auf USA einstellen

Oben links findest du die Marktauswahl (Standard ist meist „Alle Märkte“ oder dein Heimatmarkt). Klicke darauf und wähle „USA“ aus. Damit beschränkst du die Ergebnisse auf US-gelistete Aktien – das ist die Grundlage, auf der Greenblatt seine Strategie entwickelt und getestet hat.

3. Index auf S&P 500 filtern

Über die Filterleiste (oder den Button „Filter“) suchst du den Filter „Index“ und wählst dort „S&P 500″ aus. Damit reduziert sich die Liste auf die rund 500 größten US-Aktien – unser definiertes Anlageuniversum.

Tipp: Falls du das gesamte US-Universum nutzen möchtest, lässt du diesen Filter weg und fügst stattdessen einen Filter auf die Marktkapitalisierung mit einem Mindestwert von z.B. 1 Mrd. USD hinzu.

4. Relevante Kennzahlen als Spalten hinzufügen

Standardmäßig zeigt TradingView Kennzahlen wie Preis, Veränderung und Volumen. Für die Magic Formula brauchst du drei spezifische Spalten. Klicke dazu rechts auf das Spalten-Symbol (Zahnrad oder „Spalten verwalten“) und aktiviere:

  • Betriebsergebnis (EBIT) – findet sich unter den Kennzahlen zur Profitabilität
  • Enterprise Value – unter den Bewertungskennzahlen
  • ROIC (Return on Invested Capital) – ebenfalls unter Profitabilität

Alle anderen Spalten kannst du der Übersicht halber deaktivieren – du brauchst für die Strategie wirklich nur den Tickernamen und diese drei Werte.

Hinweis zu den Bezeichnungen: TradingView nutzt teilweise englische Originalbegriffe, auch wenn die Oberfläche auf Deutsch ist. „EBIT“ und „Enterprise Value“ findest du in der Regel direkt unter diesen Namen, das „Betriebsergebnis“ wird teilweise synonym verwendet.

5. Daten als CSV exportieren

TradingView bietet in der kostenlosen Version eine Exportfunktion. Klicke unten rechts (oder im Menü oben rechts, je nach Layout-Version) auf das Download-Symbol und wähle „Als CSV exportieren“. Speichere die Datei an einem Ort, an dem du sie wiederfindest – ich empfehle eine Ordnerstruktur mit Datum, z.B. magic-formula_2026-05.csv, damit du beim jährlichen Rebalancing alte und neue Listen vergleichen kannst.

6. CSV-Datei in Excel, Libre Office oder Google Sheets öffnen

Öffne die Datei mit deinem bevorzugten Tabellenkalkulationsprogramm:

  • Excel: Doppelklick auf die Datei reicht meist. Falls die Daten in einer einzigen Spalte landen, nutze „Daten“ → „Text in Spalten“ → Trennzeichen „Komma“.
  • Google Sheets: „Datei“ → „Importieren“ → CSV hochladen, Trennzeichen „automatisch erkennen“.
  • LibreOffice Calc: Dialog erscheint automatisch, Trennzeichen „Komma“ auswählen.

Achtung Dezimaltrennzeichen: US-Daten verwenden den Punkt als Dezimaltrennzeichen (z.B. 12.5), während deutsche Excel-Versionen den Punkt als Tausendertrennzeichen interpretieren. Aus 12.5 wird dann fälschlicherweise 125. Stelle Excel ggf. vorab auf englische Zahlenformatierung um oder ersetze in der CSV vor dem Import alle Punkte durch Kommas (Suchen & Ersetzen in einem Texteditor).

7. Tabelle formatieren und vorbereiten

Damit du sauber arbeiten kannst, empfehle ich folgende Formatierung:

  • Erste Zeile als Überschrift fixieren (in Excel: „Ansicht“ → „Fenster fixieren“ → „Oberste Zeile“)
  • Tabelle als Tabelle formatieren („Start“ → „Als Tabelle formatieren“) – das aktiviert Filter und Sortierfunktionen automatisch
  • Spalten in dieser Reihenfolge anordnen: Ticker, Name, EBIT, Enterprise Value, ROIC
  • Vier zusätzliche Spalten anlegen: Earnings Yield, Rang EY, Rang ROIC, Gesamtrang

Eine Beispielzeile sieht damit so aus:

Ticker Name EBIT Enterprise Value ROIC Earnings Yield Rang EY Rang ROIC Gesamtrang
XYZ Beispiel AG 5.000 40.000 25 % =C2/D2 =RANG(F2;F:F;0) =RANG(E2;E:E;0) =G2+H2

Damit ist die Datengrundlage fertig. Im nächsten Schritt sortieren wir die Tabelle nach dem Gesamtrang und wählen die Top 20 aus.

Vor- und Nachteile der Magic Formula im Überblick

✅ Vorteile

Regelbasiert und emotionsfrei Die Strategie folgt klaren mathematischen Regeln. Du musst nicht entscheiden, ob ein Unternehmen „gut aussieht“ oder „eine schöne Story“ hat – die Kennzahlen entscheiden. Das eliminiert klassische Anlegerfehler wie Bauchentscheidungen, FOMO oder Panikverkäufe.

Wissenschaftlich fundiert Die Strategie kombiniert zwei der am besten dokumentierten Faktoren der Kapitalmarktforschung: Value (günstige Bewertung) und Quality (hohe Kapitalrendite). Beide Faktoren haben in akademischen Studien über lange Zeiträume eine Outperformance gezeigt.

Geringer Zeitaufwand Nach der Ersteinrichtung brauchst du nur einmal pro Jahr ein paar Stunden für das Rebalancing. Das macht die Strategie ideal für Berufstätige, die nicht täglich Charts beobachten wollen.

Transparent und nachvollziehbar Anders als bei aktiv gemanagten Fonds verstehst du jederzeit, warum eine Aktie im Portfolio liegt. Das schafft Vertrauen in die eigene Strategie – gerade in schwachen Marktphasen, wenn Disziplin wichtig ist.

Einfach umsetzbar Die Strategie funktioniert ohne teure Datenbanken oder Spezial-Software. Ein kostenloser Aktienscanner und ein Tabellenkalkulationsprogramm reichen aus.

Dokumentierte Outperformance Sowohl Greenblatts eigene Backtests als auch unabhängige Tests (z.B. Investopedia 2003–2015) zeigen eine Outperformance gegenüber dem S&P 500 – auch wenn die Höhe je nach Quelle stark variiert.

❌ Nachteile

Lange Phasen der Underperformance Greenblatt selbst betont: Die Strategie schlägt den Markt langfristig, kann aber mehrere Jahre hintereinander schlechter abschneiden. Genau das ist der Grund, warum so viele Anleger aussteigen – und damit das eigentliche Renditepotenzial verpassen. Wer nicht durchhält, gewinnt nicht.

Performance-Erosion seit Veröffentlichung Seit Erscheinen des Buchs 2005 ist die Outperformance deutlich geringer geworden. Eine plausible Erklärung: Wenn eine Strategie öffentlich bekannt wird, wird sie von vielen Anlegern und Algorithmen nachgebaut – die Ineffizienz, die sie ausnutzt, verschwindet teilweise.

Konzentrationsrisiko Mit nur 20 bis 30 Aktien ist das Portfolio deutlich weniger diversifiziert als ein ETF auf den S&P 500 mit 500 Werten. Einzelne Ausfälle oder Bilanzskandale können stärker durchschlagen.

Sektor-Klumpenrisiko Die Strategie wählt oft mehrere Aktien aus demselben Sektor (z.B. Tech, Pharma), wenn dieser gerade günstig bewertet ist. Das kann in Krisenzeiten zu erheblichen Verlusten führen.

Kein Schutz vor Bärenmärkten Die Magic Formula ist eine Long-only-Strategie. In allgemeinen Marktcrashs verliert das Portfolio mit – manchmal sogar stärker als der Index, weil günstige Aktien in Krisen oft noch günstiger werden („Value Trap“).

Kennzahlen-Schwächen EBIT und ROIC können durch Bilanzierungstricks, Sondereffekte oder Goodwill-Abschreibungen verzerrt werden. Eine rein quantitative Auswahl erkennt solche Verzerrungen nicht. Klassisches Beispiel: Aktien, die wegen drohender Insolvenz extrem günstig sind, erscheinen oft ganz oben in der Magic-Formula-Liste.

Hohe Umschlagshäufigkeit Da das Portfolio jährlich komplett neu zusammengestellt wird, fallen regelmäßig Transaktionskosten und Steuern an. In Deutschland greift bei jedem Verkauf die Abgeltungssteuer (25 % + Soli + ggf. Kirchensteuer) – das schmälert die Nachsteuerrendite spürbar gegenüber Buy-and-Hold-Ansätzen.

Eingeschränkt auf liquide Märkte Belastbare Daten und Backtests existieren fast ausschließlich für den US-Markt. Für Europa, Schwellenländer oder kleinere Marktsegmente ist die Datenlage dünn – und Datenqualität bei kleineren Aktien generell schwächer.

Steuerliche Nachteile in Deutschland Greenblatts Original-Strategie nutzt eine US-spezifische Steueroptimierung (Verluste vor Jahresfrist, Gewinne danach realisieren). Im deutschen Steuerrecht funktioniert das so nicht – der theoretische Renditevorteil reduziert sich entsprechend.

Vorschau

Im folgenden Beitrag soll die Magic Formula noch um einen weiteren Parameter, nämlich das Momentum der einzelnen Aktien ergänzt werden.
Danach wird ein Portfolio für jede der beiden Strategien erstellt. Die Rendite der beiden Strategien soll dann von Zeit zu Zeit verglichen werden.

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